Freitag, 7.Juli 2023

Kräuteranbau in Deutschland – Ein Auslaufmodell?

Der Anbau von Heil-, Gewürz- und Duftpflanzen hat in Deutschland eine jahrhundertalte Tradition. Trotzdem fristet er in der Landwirtschaft heute ein Nischendasein. Gerade einmal 9.600 Hektar betrug die gesamte bundesweite Anbaufläche etwas im Jahr 2022. Dr. Wolfram Junghanns, Vorsitzender des Vereins für Arznei- und Gewürzpflanzen SALUPLANTA e.V., beantwortete uns unseren Fragen zu den Gründen dafür sowie zur Bedeutung und Zukunft des Arznei- und Gewürzpflanzenanbaus in Deutschland.

Welche Rolle spielt der heimische Arzneipflanzenanbau aktuell in Deutschland und welche Kulturen sind Spitzenreiter?

WJ: Derzeit stammen zwischen 10-20 Prozent der verwendeten Arznei- und Gewürzpflanzen in Deutschland aus deutschem Anbau. Wichtigste Kulturen sind Petersilie, Dill, Kamille, Majoran, Diätlein, Sanddorn und andere.

Warum werden bei uns nicht mehr Arzneipflanzen angebaut?

WJ: Der Hauptgrund, warum nicht mehr Produkte aus Deutschland genutzt werden, liegt an den deutlich höheren Produktionsauflagen, Energiekosten und Arbeitskosten, welche insgesamt höhere Erzeugerkosten generieren. Diese höheren Kosten möchten die Kunden – vor allem in der Lebensmittelindustrie, aber auch in der Pharmazie und Kosmetik – oft nicht bezahlen.

Außerdem stehen Arznei- und Gewürzpflanzen anders als andere landwirtschaftliche Kulturen nicht unter dem Einfluss von EU-Markt-Strukturgesetzen, sodass wir es mit einem weltweitem Anbieterwettbewerb zu tun haben. Nur durch besondere Qualitäten, Innovationen oder Anforderungen der Kunden an den Ursprung sind deutsche Produkte konkurrenzfähig.

Warum sollten wir hier in Deutschland trotzdem solche Pflanzen anbauen – oder warum nicht?

WJ: Der Anbau von Arznei- und Gewürzpflanzen fördert sehr stark die Bio-Diversität, ist sehr insektenfreundlich und ermöglicht es auch kleineren Betrieben ökonomische Nischen zu besetzen. Voraussetzungen hierfür sind Phantasie, Kreativität, sehr viel Wissen und Erfahrungen. Günstig sind außerdem gute Kontakte zur weiterverarbeitenden Industrie oder Möglichkeiten der Direktvermarktung.

Welche Standortbedingungen braucht man dafür?

WJ: Arznei- und Gewürzpflanzen können an fast allen Standorten in Deutschland angebaut werden. Eine weite Anbaumöglichkeit haben zum Beispiel Kümmel und Fenchel. Deutlich schwieriger wird es zum Beispiel bei Baldrian oder Majoran, da für beide spezielle Böden und Klimaverhältnisse nötig sind.

Welche Entwicklung erwarten Sie in Hinblick auf den heimischen Anbau?

WJ: Da in den letzten Jahren die Energiekosten, welche zur Trocknung der Pflanzen nötig sind, in Deutschland exorbitant gestiegen sind, wird der Anbau in Zukunft deutlich zurückgehen oder die zur Trocknung nötige Energie wird über eigene Energiegewinnungssysteme der Landwirte produziert werden. Mit den derzeitigen Preisen für eingekaufte Energie bei Strom und Gas sind deutsche Produzenten nicht mehr konkurrenzfähig.

Vielen Dank für das Gespräch!


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