Schäferin Sandra Lippert aus Haufeld bei Rudolstadt in Thüringen hat das ganze Jahr über viel zu tun. Als Seiteneinsteigerin wurde 2018 aus ihrem Hobby der Hauptberuf. Mit ihren insgesamt 100 Ziegen und Schafen kümmert sie sich nun um die Landschaftspflege. Bevor im Frühling die ersten Aufträge beginnen, steht die Schäferin jedoch vor einer anderen Herausforderung: der Lammzeit. In diesen Wochen in den ersten Monaten des Jahres bekommen die Schafe und Ziegen ihre Lämmer. Auch wenn es schön ist, den neuen Nachwuchs in Empfang zu nehmen, braucht man für diese Zeit starke Nerven, erzählt uns die Schäferin. Nahezu rund um die Uhr kümmert sie sich dann um die Lämmer und Muttertiere. Wir haben Sandra besucht und mit ihr über die Höhen und Tiefen der Lammzeit gesprochen.
Sandra, wann beginnt bei Dir die Lammzeit und wie lange dauert sie ungefähr?
SL: Normalerweise hätte ich es lieber im Frühjahr, wenn es draußen schon etwas milder ist. Das ist für die Lämmer und die Mütter einfach besser. Im Frühjahr gehen bei mir jedoch bereits die Aufträge für die Landschaftspflege los. Da müssen die Tiere fit sein, damit ich sie transportieren und umtreiben kann. Deswegen kommen die ersten Lämmer schon im Januar oder Februar, wenn es noch winterlich ist. Letztendlich hängt der genaue Zeitpunkt aber auch davon ab, wann die Böcke dazu kommen und die Muttertiere belegen [= fortpflanzen, red. Anm.]. Eigentlich läuft das bei den Schafen und Ziegen immer recht parallel ab, aber dieses Jahr dauert es bei den Schafen länger. Die Böcke waren zeitig da, aber die Mütter haben sich erst spät belegen lassen. Ich vermute, dass das späte Ablammen dieses Jahr mit der Dürre im letzten Jahr zusammenhängt. Da kommt der natürliche Instinkt der Tiere zum Einsatz. Bei einem schlechten Futterjahr lassen sie sich schlecht belegen, weil sie instinktiv davon ausgehen, dass dann auch nicht genug Futter für den Nachwuchs da ist. Deshalb ist es dieses Mal sehr versetzt und es gibt immer noch einige Schafe, die tragend sind.
Wie verändert sich der Tagesablauf als Schäferin in dieser Zeit?
SL: Ich bin viel länger bei den Tieren als sonst. Wenn ich sehe, dass ein Muttertier ablammt, dann bleibe ich bis zum Schluss. Ich fahre erst heim, wenn die Lämmer das erste Mal getrunken haben, egal wie spät es ist. Es ist wichtig, dass sie die erste Milch bekommen, das Kolostrum, denn da sind wichtige Abwehrstoffe für die Kleinen drin. Wenn sie trocken sind, stehen und getrunken haben, dann weiß ich, dass sie soweit erst einmal fit sind und ich wieder fahren kann. Ich gucke da auch nicht auf die Uhr. Manchmal fahre ich kurz nach Hause und esse etwas, aber dann geht es gleich wieder zu den Tieren und ich bin eigentlich den ganzen Tag dort. Momentan ist es relativ ruhig, weil die Schafe noch etwas brauchen bis sie ablammen. Da muss ich erstmal nur füttern, versorgen und die Lammboxen vorbereiten. Die werden mit viel Einstreu versehen und wenn der Nachwuchs da ist, gibt es jeden Tag Neues dazu, damit immer etwas Frisches da ist. Das ist wichtig, um die Keimbelastung zu mildern. Ich schicke auch vorsorglich regelmäßig Kotproben beim Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz ein, um zu schauen, ob es einen Wurmbefall gibt, um direkt handeln zu können. Man denkt immer, jetzt habe ich alles gehabt, doch dann kommt die nächste Lammzeit und man wird wieder eines Besseren belehrt. Die Viren und Würmer entwickeln sich, wie bei allen anderen, auch weiter. Mittlerweile gibt es sehr viele Resistenzen bei den Parasiten. Gerade Ziegen müssen anders behandelt werden als Schafe.
Wenn die Lämmchen so früh im Jahr schon zur Welt kommen, wie bleiben sie da warm?
SL: Wenn ich merke, dass ein Schaf kurz davor ist abzulammen, dann separiere ich das Tier und es kommt ins Weidezelt in eine Ablammbox. Dort kann der Nachwuchs dann ungestört im Stroh zur Welt kommen. In der Regel werden die Lämmer von ihren Müttern vernünftig abgeleckt. Das regt nicht nur den Kreislauf an, sondern trocknet gleichzeitig die Wolle. Selbst Kälte macht den Kleinen dann nichts aus. Nur Nässe und Kälte in Kombination sind ungünstig. Aber deshalb kommt das Muttertier auch direkt ins Weidezelt.
Wärmelampen habe ich auf der Fläche nicht. Für den Notfall, wenn sehr schwache Lämmer dabei sind, dann nehme ich sie mit nach Hause, so wie es zum Beispiel bei Lamm Paulinchen der Fall war (Link zu Beitrag über Paulinchen). Daheim habe ich dann auch eine Wärmelampe oder ich nehme sie auf den Schoß. Körperwärme ist nochmal um einiges besser, da sie neben der Wärme den Kleinen auch ein wohliges Gefühl gibt, was bei der Genesung hilft. Im Weidezelt legen sich die Lämmer an ihre Mütter und werden von ihnen gewärmt.
Welche Herausforderungen bringt die Lammzeit noch mit sich?
SL: Es gibt jedes Jahr etwas Neues. Dieses Jahr musste ich bei einigen neuen Ziegen hier und da eingreifen und zum Beispiel Lämmer drehen oder die Beine vorholen. Sowas kann man vorher aber gar nicht planen. Viele Dinge passieren einfach und dann muss man direkt handeln, ohne lange zu überlegen. Es steht fest: Muttertier und Lamm sollen überleben. Da legt man einfach los. Freud und Leid liegen in dieser kurzen Zeit so nah beieinander wie an keinem anderen Zeitpunkt des Jahres. Nicht jedes Lamm schafft es. Es gibt Totgeburten oder es stirbt einfach ein paar Stunden nach der Geburt, ohne dass man weiß, warum. Und eine halbe Stunde später kommt dann schon das nächste Lamm, was deine Aufmerksamkeit braucht. Das ist immer ein Auf und Ab der Gefühle und meistens hat man dafür gar keine Zeit. Dasselbe gilt auch für Flaschenlämmer. Dieses Jahr hatte ich bisher erst zwei zu Hause, ein Ziegenlamm und das kleine Schaf Paulinchen. Die beiden habe ich mit der Flasche aufgepäppelt, damit sie überleben. Bisher geht es den beiden gut und sie sind wieder bei ihren Artgenossen. Doch auch bei Flaschenlämmern besteht immer eine 50 zu 50 Chance, wenn es um das Überleben geht. Damit muss man klarkommen. Ein dickes Fell ist da ganz wichtig.
Gibt es auch Probleme von außen durch Fressfeinde? Wie gehst Du damit um?
SL: Ja, ich hatte schon Probleme mit Kolkraben. Das war bevor ich meine Herdenschutzhunde hatte. Die Vögel haben mir einige Lämmer getötet. Leider sehen die Schafe und Ziegen sie nicht als Gefahr, weil sie von oben kommen. Bei ihnen ist das so drin, dass so etwas nicht gefährlich ist. Die Kolkraben sind da ganz hässlich, denn sie gehen einfach an die schlafenden Lämmer ran. Teilweise machen sie sich auch an den laufenden Lämmern zu schaffen, selbst wenn diese schon vier Wochen alt sind. Die picken ihnen die Augen und die Weichteile aus. Den Anblick muss ich wirklich nicht nochmal haben. Ich dachte damals von Weitem, dass sie nur schlafen. Das war ganz furchtbar. Aus dem Grund habe ich jetzt die Herdenschutzhunde. Das sind italienische Herdenschutzhunde, Abruzzen Maremmano, und die verbellen die Vögel. Und sie passen auf, dass mir auch ansonsten keiner an meine Tiere geht oder sich am Zaun zu schaffen macht. Das kam leider auch schon vor.
Vielen Dank für das Gespräch!
Auf ihrem Instagram-Kanal @landschaftspfleger_mit_biss gibt Sandra regelmäßig Einblicke in ihre Arbeit und zeigt, was in ihrer Schäferei so passiert.
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