Montag, 17.März 2025

Zwischen Tierwohl und schwierigem Wettbewerbsumfeld: Putenhaltung bei der SON-Agro GmbH in Sonneborn

Toralf Hildebrand ist Landwirt – „aus Überzeugung“, wie er selbst sagt. In Sonneborn im Landkreis Gotha (Thüringen) leitet er die SON-Agro GmbH mit einem engagierten Team von 22 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ein Blick auf die Webseite des Unternehmens zeigt schnell: Hildebrand und sein Team lieben die Landwirtschaft. Dieser Slogan ist mehr als nur ein Lippenbekenntnis. Denn der Hof zeichnet sich durch einen vielfältigen Ackerbau mit einer breit gefächerten Fruchtfolge aus und setzt zahlreiche Naturschutzmaßnahmen um, für die unter anderem die eigenen Schafe und Ziegen zum Einsatz kommen. Und: In Sonneborn werden mit besonders großem Engagement Puten gehalten.

Seit dem Einstieg in die Putenhaltung im Jahr 2008 hat sich das Unternehmen eine Menge Erfahrung im Umgang mit dem empfindlichen Geflügel erarbeitet. Während sich Toralf Hildebrand um die Gesamtleitung kümmert, widmet sich seine Frau Antje als Farmleiterin der Putenmastanlage mit Know-how und viel Empathie den Tieren.

Tägliche Kontrollen für das Wohl der Tiere

Mehrmals täglich schaut sie gemeinsam mit einer Kollegin persönlich nach den Tieren. Geprüft wird dann unter anderem, ob die Futterstellen intakt und befüllt sind, ob die Tränken und die Belüftung einwandfrei funktionieren und ob das Stallklima stimmt. „Die individuelle Kontrolle im Stall ist wichtig, weil wir so genau sehen, ob es den Tieren gut geht“, sagt sie.

Um die Tiere vor Krankheitserregern, wie zum Beispiel der Geflügelpest, zu schützen, müssen außerdem strenge Hygienevorschriften beachtet werden. So muss vor dem Betreten des Stalls immer die Kleidung gewechselt werden. Besucherinnen und Besucher müssen einen Schutzanzug tragen. Vor allem auf die Desinfektion des Schuhwerks wird penibel geachtet.

Initiative Tierwohl: Mehr Platz und Beschäftigung für die Puten

Die sorgfältige Haltung zeigt sich auch in der Zusammenarbeit mit der Initiative Tierwohl, bei der SON-Agro GmbH schon lange aktiv ist. Die Tiere werden in Sonneborn nach den Kriterien der „Haltungsstufe 2“, der sogenannten Stallhaltung Plus, gehalten. Das heißt, die Puten in Sonneborn haben mindestens zehn Prozent mehr Platz im Stall als gesetzlich vorgeschrieben. Außerdem gibt es Beschäftigungsmaterial, wie Picksteine oder so genannte Aufsitzmöglichkeiten in Form von Strohballen, auf die sich die Tiere zurückziehen können. „Für die Tiergesundheit und Hygiene ist die Stallhaltung ohnehin optimal“, sagt Toralf Hildebrand. „Denn damit ist der Eintrag von außen minimiert. Puten sind sehr sensibel und reagieren schnell auf Umwelteinflüsse.“

„Unsere Tiere leben in Stallhaltung mit so genannter Zwangsbelüftung, die von einem Computer gesteuert wird“, erklärt Toralf Hildebrand und ergänzt: „Ein gutes Stallklima ist ganz entscheidend für das Wohlbefinden der Tiere.“ Deshalb ist die automatische Regulierung der Luftzufuhr ein wesentlicher Faktor für das Tierwohl. Je älter die Truthühner werden, desto mehr Frischluft benötigen sie. An heißen Sommertagen kommt zusätzlich eine Sprühkühlung zum Einsatz, die die Temperatur im Stall um drei bis vier Grad absenken kann.

Um das Tierwohl immer weiter zu verbessern, sind die Hildebrands aufgeschlossen gegenüber neuen Ansätzen in der Tierhaltung. So werden jetzt beispielsweise Aromastoffe eingesetzt, die Menthol enthalten. Über die Sprühkühlung verteilt, helfen sie dabei, die Atemwege der Tiere gesund zu halten. Das Futter wird mit Vitaminpräparaten und probiotischen Nahrungsergänzungsmitteln angereichert, wodurch die Tiere seltener krank werden. Das reduziert außerdem den Einsatz von Medikamenten, die grundsätzlich nur durch den Tierarzt verschrieben werden. Ohne ärztliche Anweisung bekommt in Sonneborn kein Tier ein Medikament.

Putenfleisch in Deutschland: Vielfalt und regionale Besonderheiten

Anders als in den USA, wo der Truthahn-Braten zum traditionellen Thanksgiving unbedingt dazugehört, kommt Putenfleisch bei uns eher in Form von Schnitzeln, Keulen, Gulasch oder Wurst auf den Tisch. Besonders zur Grillsaison ab dem Frühjahr ist Pute hierzulande gefragt. Während Putenspieße auf keinem Grillbuffet fehlen dürfen, ist der Putenbraten aus dem Backofen eher ein Geheimtipp.

Das spiegelt sich auch im regionalen Angebot wider. In Deutschland werden überwiegend mittelschwere und schwere Puten gehalten, die ausgewachsen schon einmal um die 20 Kilogramm Lebendgewicht haben können. Die SON-Agro GmbH mästet deshalb ausschließlich männliche Tiere, so genannte Puter bzw. Truthähne.

In Sonneborn bleiben die Puten etwa 16 Wochen auf dem Hof. In dieser Zeit bekommen sie ein jeweils speziell an ihr Alter angepasstes Futter. „Unsere Tiere nehmen so rund 150 Gramm pro Tag zu und erreichen am Ende ein Gewicht von 20 bis 22 Kilogramm“, erklärt Hildebrand.

Marktdruck und Herausforderungen für heimische Erzeuger

Auch wenn die Nachfrage der Verbraucherinnen und Verbraucher nach Putenfleisch konstant ist und der Pro-Kopf-Verbrauch pro Jahr in Deutschland bei 4,6 Kilogramm liegt, stehen die heimischen Putenerzeuger wie die SON-Agro GmbH unter Druck. Denn neben steigenden Futtermittelpreisen und der Volatilität des Marktes beeinträchtigen vor allem Billigimporte von Putenfleisch den Thüringer Betrieb: „Wenn gefrorenes Fleisch aus Brasilien trotz Transportkosten noch günstiger ist als unser eigenes, dann kann etwas nicht stimmen.“ Auch die Konkurrenz aus osteuropäischen Ländern, die teilweise geringere Tierwohlstandards und niedrigere Produktionskosten haben, setzt die heimischen Erzeuger unter Druck. Allein die im Vergleich zu Osteuropa deutlich höheren Lohnkosten in Deutschland machen es schwer, regionales Putenfleisch rentabel zu vermarkten. Die hohen Energiepreise stellen eine zusätzliche Herausforderung dar, denn Putenhaltung ist energieintensiv.  

Trotz dieser Situation bleiben die Hildebrands zuversichtlich. Mit Beharrlichkeit und kreativen Ansätzen wollen sie zeigen, dass verantwortungsvolle Tierhaltung in Deutschland auch unter schwierigen Bedingungen Bestand haben kann – und am Ende sowohl den Tieren als auch den Verbrauchern zugutekommt.

 

Fotos und Mitarbeit Text: Paul-Philipp Braun

 

 

 


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