Dienstag, 11.Januar 2022

Engagement und klare Worte für die Heimische Landwirtschaft

Ein Interview mit Tobias Göckeritz über die Zukunft der heimischen Landwirte

Die heimischen Landwirtinnen und Landwirte stehen vor immer größeren Herausforderungen: Sinkende Preise und immer weiter kostentreibende Haltungsauflagen. Das sind Gründe dafür, dass immer mehr Familienbetriebe die Landwirtschaft aufgeben.

Einer, der sich für die Landwirte und ihre Familien einsetzt ist Tobias Göckeritz. Er selbst ist aktiver Landwirt und bewirtschaftet zusammen mit seiner Familie 60 Hektar im Landkreis Nienburg an der Weser in Niedersachsen. Das Hauptstandbein des Betriebs ist die Sauenhaltung mit anschließender Ferkelaufzucht und Schweinemast im geschlossenen System. Der Ackerbau sowie die Haltung von Mutterkühen, Legehennen, Pferden und Ponys zählt ebenfalls zu seinen täglichen Aufgaben. Auch für Tobias Göckeritz haben die sich stetig ändernden Richtlinien und Gesetze persönliche und berufliche Folgen. 

Wir haben mit ihm über die aktuellen Herausforderungen aber auch über die Zukunft der heimischen Landwirtschaft und sein Engagement für die Landwirtinnen und Landwirte gesprochen.

 

Herr Göckeritz, Sie engagieren sich seit vielen Jahren als Kreislandwirt. Warum ist Ihnen das außerberufliche Engagement wichtig?

Ich engagiere mich in verschiedenen Bereichen. Dabei sind die wichtigsten Ämter neben der Tätigkeit als Kreislandwirt der Vorsitz in unserem Kreislandvolkverband Mittelweser mit 4.500 Mitgliedern und die Arbeit in verschiedenen Fachausschüssen.

Mir geht es bei meiner Arbeit vor allem um die Bauernfamilien und die Anerkennung, auch finanziell, für ihre lebenswichtige Aufgabe für die Menschen. Bauern, die oft mehr oder länger arbeiten als viele andere, dafür aber weniger Lohn und Anerkennung erfahren – das ist meine Motivation. Es gilt immer wieder die Leistungen und die Unverzichtbarkeit der heimischen Landwirtschaft zu betonen und diese gegenüber Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit zu vertreten.

 

Sie selbst sind aktiver Landwirt. Mit welcher Philosophie führen Sie Ihren Betrieb?

Gemeinsam mit der Familie leben und arbeiten und dadurch für die Menschen in Deutschland gesunde und bezahlbare Lebensmittel herstellen, das ist mir wichtig.

 

Was macht Ihnen an Ihrer täglichen Arbeit am meisten Spaß?

Am meisten begeistert mich, etwas durch meine Hände und Arbeit wachsen zu lassen und gestalten zu können. Auch das Interagieren von der Aussaat bis zur Ernte und das Ergebnis der geleisteten Arbeit über seinen gesamten Wachstumsprozess begleiten und beeinflussen zu können. So etwas überaus Nützliches und Wichtiges zu tun und die Grundlagen des Lebens, nämlich Mittel zum Leben zu erzeugen, das bereitet mir jeden Tag aufs Neue große Freude.

 

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie aktuell?

Aktuell erlösen wir für unsere Mastschweine weniger als deren Produktion kostet. Die Lage ist so dramatisch, dass nicht einmal mehr die laufenden Kosten für Futter und Energie durch den Erlös gedeckt werden. Wir verlieren an jedem produzierten Schwein Geld. Das nennt man einen negativen Deckungsbeitrag. Die Festkosten und ein Lohn kommen längst nicht mehr rein. Wir zahlen Eintritt dafür, dass wir unsere Nutztiere versorgen.

Meiner Meinung nach wird in dem aktuellen Koalitionsvertrag die Nutztierhaltung in Deutschland, wie durch die Vorgängerregierungen bereits eingeleitet, weiter zu Grabe getragen. Unser Abferkelstall wurde vor sieben Jahren nach wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Kompromiss für Sau und Saugferkel konzipiert und neu gebaut. Seit letztem Jahr ist er aber nach der Schweinehaltungsverordnung rechtswidrig. Nach Ablauf der Übergangsfrist werden wir die Sauenhaltung aufgeben müssen, da wir für einen anderen Stall nach aktueller Rechtslage weder eine Genehmigung vom Landkreis noch Geld von der Bank bekommen.

Die Schweinehaltung in Deutschland hat keine Zukunft – das ist sehr hart, vor allem für die nachfolgende Generation wie meine Tochter Philine. Sie ist 34 Jahre alt, Landwirtin und Agraringenieurin.

 

Die Zukunft der Landwirtschaft in Deutschland wird kontrovers diskutiert. Was ist Ihre Meinung dazu?

Ackerbau wird es in Deutschland noch sehr lange geben. Unsere klimatischen und natürlichen Bedingungen im Weltmaßstab sind so gut, dass wir sogar die überzogenen nationalen Auflagen und Erschwernisse teilweise kompensieren können.

Die Veredlung wird aber aus Deutschland verschwinden, insbesondere die Schweine- und Putenhaltung. Besonders die Familienbetriebe in Westdeutschland wie unserer werden dem nationalen Kostendruck im europäischen und Weltmarktwettbewerb nicht standhalten. Eine Restveredlung wird sich auf wenige vertikale Integrationen in großgewerblicher Hand konzentrieren. Hier werden Investoren aus Lebensmitteleinzelhandel, Futtermittel und Schlachtindustrie auftreten.

Die Milchviehhaltung und Rindermast werden sich länger halten, sich aber im norddeutschen Raum konzentrieren. Dort insbesondere auf den Dauergrünflächen im norddeutschen Tiefland, sofern die organischen Böden nicht zwangsstillgelegt werden. Im Moment spricht über Greendeal, GAP [Anm. = Gemeinsame Agrarpolitik der EU] und „Farm to Fork“ vieles für eine Enteignung der Moorböden ohne finanziellen Ausgleich.

In meinen Augen ist die konventionelle Landwirtschaft die einzige Überlebenschance der Weltbevölkerung. Nur mit konventioneller Landwirtschaft wird es gelingen auf weniger Nutzfläche mehr Menschen zu ernähren. In Deutschland sieht das anders aus: Hier ist zuletzt im Koalitionsvertrag eine Ausweitung des ökologischen Landbaus auf dreißig Prozent festgeschrieben worden. Diese Entwicklung, gekoppelt mit der Extensivierung auf organischen Böden, Stilllegung durch GAP (vier Prozent der Ackerfläche), Blühacker, Randstreifen an Gewässern, Infrastrukturmaßnahmen, Versiegelung, Aufforstung, Ausgleich von Ersatzflächen und noch vielem mehr gefährdet zusehends unsere Versorgungssicherheit in Deutschland.

Jeder Export von Anbauflächen führt zu einer schlechteren Klimabilanz der Welt. Für jeden Hektar Nutzfläche, den wir in Deutschland aufgeben, werden wo anders in der Welt drei bis vier Hektar gerodet. Für einen Hektar ökologisch umgestellte Fläche müssen an anderer Stelle zwei Hektar importiert werden.

Für mich ist aber die entscheidende Frage nicht ob Landwirtschaft eine Zukunft hat, sondern ob heimische Landwirte und ihre Familien eine Zukunft haben? Diese Frage wird von der Gesellschaft oder der Politik entschieden, zurzeit sieht es nicht danach aus.

 

Im Supermarkt entscheiden letztendlich die Verbraucher, welche Produkte sie kaufen. Welche Botschaft möchten Sie diesen mit auf den Weg geben?

Wer heimische Landwirtschaft will, der muss auch Produkte aus der heimischen Landwirtschaft kaufen. Dies gilt nicht nur für das Frühstücksei, sondern insbesondere auch für alle verarbeiteten Produkte, die aus Milch, Fleisch, Getreide und Ölfrüchten hergestellt werden. Wer kurzfristig nur Wünsche äußert, aber dann nicht danach handelt, wird am Ende seine eigene Versorgungssicherheit mit Mitteln zum Leben gefährden.

 


 

Mehr erfahren über Tobias Göckeritz und sein Engagement auf YouTube.

 

 

 

 

 

 

 

 

Das komplette Interview zum Download finden Sie hier:

(Zum Download einfach auf das Bild klicken.)


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